Wenn dein Berater keine Ahnung von der PKV hat
Eine Abrechnung mit falschen Annahmen und unseriöser Beratung zur Privaten Krankenversicherung.
Ein Blogartikel von Jannik Menten
Gründer von The Finance Athletes
Das hier ist wirklich so passiert. PKV-Beratung beim Kloppo-Sponsor at its best.
Vor ein paar Tagen kommt durch einen lieben Geschäftspartner eine Dame auf uns zu.
Kundin, 47 Jahre alt. Optionstarif bei der Generali, weshalb sie dauerhaft von ihrem DVAG-Berater kontaktiert wird.
Sie müsse ihre Option für die PKV ziehen. Letztmalige Chance am 01.01.2028 – vor dem 50. Geburtstag. PKV sei besser. Viel günstiger. Sowohl heute als auch im Alter. Das ist natürlich eine sehr steile These bei einer 47-Jährigen Dame. Dagegen ist die Abfahrt in Cortina relativ flach.
Beweisen wollte der Berater das mit einer Excel-Tabelle, die genau aufzeigt, wie teuer der Spaß im Alter für die Kundin ist und wie viel Geld sie sparen wird. Da gilt der Klassiker: Traue nur den Zahlen, die du selbst gefälscht hast.
Die Kundin wendet sich an mich und bittet um Aufklärung: Stimmt das denn alles, was der gute Mann da so erzählt?
Well - nö.
Let’s dig deeper
In der GKV beträgt der Höchstbeitrag (DAK Zusatzbeitrag 3,20 % plus Pflege 4,20 % kinderlos) für die Kundin 1.278,75 € (brutto).
Hinzu kommen zwei Zusatztarife:
- Stationär: 74,55 € monatlich
- Zahn: 34,35 € monatlich
Bis hierhin alles gut.
Dann aber die erste wilde Annahme: 180,55 € monatliche Zuzahlung in der GKV. Klar, 10 € hier oder 5 € da – schon logisch. Aber 180,55 € jeden Monat? Natürlich netto. Sehe ich ehrlicherweise nicht.
Das Ergebnis des Beraters:
656,81 EUR Eigenanteil GKV + 108,90 EUR für Zusatzversicherungen + 180,55 EUR für monatliche Zuzahlungen = 946,26 EUR Eigenanteil in der GKV jeden Monat. Steuern spielen hier in der Darstellung schon längst keine Rolle mehr.
Kommen wir zur PKV-Seite.
- GesundPro1 – 966,06 €
- KTG (130,00 €) – 56,50 €
- Beitragsentlastung von 300,00 € – 161,40 €
- Pflege – 100,18 €
= 1.284,14 €
Die SB von 750,00 € wurde hier noch auf den Monat runtergebrochen (62,50 €) und ebenfalls addiert – fair enough.
Gesamtbeitrag dann: 1.346,64 €
Davon werden abgezogen:
- 508,59 € AG-Zuschuss KV
- 50,09 € AG-Zuschuss Pflege
= 787,96 € Eigenanteil
In dem Fall also: 158,30 € Ersparnis jeden Monat, sagt der DVAG-Mann. Klingt doch geil, oder?
Machen wir hier mal eine kurze Atempause. Mal eben stoßlüften.
Problem Numero 1: Brutto- und Nettobeiträge werden vermischt
Wir klären auf.
Der GKV-Beitrag ist – bis auf einen kleinen Anteil (4 %) wegen des KTG – voll steuerlich absetzbar. Die Zusatzversicherungen sind voll aus dem Netto zu zahlen.
Zuzahlungen zur GKV ebenfalls aus dem Netto.
Ich würde die Zuzahlungen allerdings mit eher 50,00 € monatlich ansetzen – vorausgesetzt, regelmäßige Physiotherapie, eine Reha-Maßnahme und Medikamentenbezug. Zähne sind über die Zusatzversicherung abgedeckt.
Meine Berechnung GKV
- 642,00 € AN-Anteil für Pflege und KV.
- Nehmen wir an, dieser sei zu 96 % absetzbar (4 % Abzug wegen Krankengeld):
- 616,32 € steuerlich absetzbar.
- Grenzsteuersatz hier: 42 %
- → 258,85 € steuerliche Reduktion.
Verbleiben:
- 642,00 € – 258,85 € = 383,15 € Netto-Eigenanteil GKV
- 108,90 € Zusatzversicherungen
- 50,00 € Zuzahlung
= 542,05 € Nettoeigenbeitrag GKV
PKV-Berechnung
- 966,06 € KV zu ca. 80 % steuerlich absetzbar
- 56,50 € KTG gar nicht absetzbar
- 161,40 € Beitragsentlastung voll absetzbar
- 100,18 € Pflege voll absetzbar
= 1.034,43 € steuerlich absetzbar
Abzüglich Arbeitgeberanteil → 475,75 € steuerlich absetzbar.
- 475,75 € × 42 % = 199,82 € Steuerersparnis.
Netto-PKV-Eigenanteil:
- 787,96 € – 199,82 € = 588,14 €
- zzgl. 62,50 € Selbstbeteiligung
= 650,64 € netto.
Die SB lasse ich auch gerne außen vor, da ich die Zuzahlung ja auch reduziert habe – mir egal.
Erkenntnis
Sofern ich alles richtig gemacht habe:
Die GKV ist (ohne SB) 46,09 € günstiger.
Schon ein anderes Ergebnis als die 158,30 € Ersparnis pro PKV, die der DVAG-Mann berechnet hat.
Klar – 40 € hin oder her. Leistungstechnisch kann man natürlich gut Richtung PKV argumentieren. Machen wir regelmäßig.
Jetzt wird es aber spannend: Ruhestandsbetrachtung
Rentenszenario
- 3.790 € Rente
- bAV 400,00 €
Davon sind für die Krankenversicherung relevant:
- 400,00 € – 197,75 € = 202,25 €
- → 3.992,25 € Grundlage zur Verbeitragung.
Beitrag:
- 3.992,25 € × 22 % = 878,30 €
Hier ist die Berechnung des Kollegen schon falsch. Er landet bei 1.050,20 € und verbeitragt auch die volle bAV. Keine Ahnung wieso.
Dann rechnet er mit:
- 83,80 € Zuzahlung monatlich – ok, als Rentnerin, von mir aus.
- 108,90 € Zusatzversicherungen
- – 339,02 € Rentenzuschuss (3790 € × 8,75 % = 331,63 € – um 8 € verrechnet oder ich bin selbst blöd).
Sein Ergebnis:
- 903,88 € Eigenanteil (wieder teilweise brutto).
Mein Ergebnis:
- 739,37 €
- Davon 546,67 € brutto reiner GKV-Beitrag.
Steuer lassen wir hier mal außen vor.
PKV im Ruhestand
Was hat sich verändert? Nicht viel.
- KTG entfällt – richtig.
- Beitragsentlastung von – 300,00 € greift – ok.
Aber wo ist der Beitrag für diesen Baustein von 161,40 €? Den zahlt die Kundin weiter. Wurde charmant vergessen.
- Pflege bleibt bestehen.
- SB fällt weiterhin an.
Ergebnis des Beraters:
- 489,72 € Eigenanteil gegenüber 903,88 € in der GKV.
Klar – mit 47 Jahren: Abfahrt. PKV ist und bleibt für immer günstiger. Unfassbar.
Vielleicht bin nur ich so schockiert.
Aber wir sind uns doch einig, dass hier auch Beitragssteigerungen berücksichtigt werden müssen.
Beitragsentwicklung PKV
- Nehmen wir nur die 966,00 € Grundbeitrag KV.
- Steigerung 3 % p. a. bis 67 (20 Jahre):
- → 1.744,70 €
Ohne KTG. Ohne Beitragsentlastung.
Der gesetzliche Zuschlag ist hier nicht ausgewiesen. Wenn wir ihn mitentwickeln, macht er – sehr vereinfacht – ca. 170 € aus.
Also:
- Beitrag nach Wegfall aller Bestandteile ca. 1.570 €
- – 300,00 € Beitragsentlastung
- 161,40 € Beitrag für den Entlastungstarif
- = Nettoentlastung 138,60 €
- 1.570 € – 138,60 € = 1.431,40 €
- – 331,63 € Zuschuss
- = 1.100 €
- Pflege dynamisiert auf ca. 180,00 € (3 % p. a.)
- = 1.280 € PKV-Beitrag
Gegenüber 739,37 € GKV – ohne Steuer.
Fazit
Am Ende wird die PKV im Alter teurer sein für die Kundin.
Natürlich können wir tausende Annahmen über beide Systeme treffen, die die Berechnung verschieben. Wir werden nie alles wissen oder exakt prognostizieren können.
Mir ist es hier wichtig, klar zu senden, wie krass komplex dieses Thema ist – und dass eine vermeintliche Beitragsersparnis einfach kein Argument ist.
Ich sage nicht, dass die PKV nicht geeignet ist. Jeder, der sich auskennt, weiß: Mit 47 fährt der Zug langsam ab. Auch hier ist es ein enges Szenario.
Aber die Kundin braucht maximale Transparenz, damit überhaupt eine Entscheidungsgrundlage existiert. Dazu gehören auch Themen wie Tarifwechselrecht etc.
Ein mega Thema.
Bitte nicht mit Dulli-Beratern arbeiten, die keine Ahnung haben und bei einer 47-Jährigen irgendwas von Beitragsersparnis faseln.
Danke.